Sir

Hier hat sich mittlerweile etabliert, dass mich alle “Sir” nennen. Ich vermute mal, dass es nicht an meinem sonst sehr ritterlichen Verhalten liegt, sondern, weil es sich die meisten wahrscheinlich einfacher merken können als „Daniel“ ;). Mir selbst fällt es auch sehr schwer, die Namen der Personen hier im Kloster und der Schule zu merken, da sie sehr fremd sind und man einfach so viele Leute kennenlernt.
Ich höre dementsprechend dann so was wie „Good morning, sir“, „How are you, sir?“, „Where are you going, sir?”“ usw. Wann immer ich „sir“ höre, fühle ich mich angesprochen und drehe mich um. 😀
In der Schule ist das etwas anders. Da haben sich manche Schüler meinen Namen gemerkt. Sogar meinen Nachnamen. Dafür werde ich da zum Teil mit einem Handkuss begrüßt. Nicht so wie man ihn aus romantischen Filmen kennt, wo der Handrücken nach oben gedreht wird und der Mann dann mit einem leichten Knicks einen Kuss auf den Handrücken haucht. Hier ist das dann so, dass ich zuerst die Hand von einem Kind schüttel und die Hand dann einen Kuss bekommt ohne den Handrücken nach oben zu drehen. Das ist auf jeden Fall sehr merkwürdig und ich weiß nicht so recht wie man dann auf so was reagiert. Ich sage dann immer artig „Danke“ und „Guten Tag“ (auf Englisch natürlich).
Dieser Handkuss ist vermutlich so was wie eine Ehrerbietung. Hier in Nepal gibt es noch ein Kastensystem. Und in diesem System, stehen die Lehrer sehr weit oben. Ich glaube sogar in der höchsten Kaste. Auch wenn das Kastensystem im Kloster nicht gilt, wird den älteren Mönchen und den Lehrern ebenfalls ein besonderer Respekt gezollt. Es gibt beispielsweise einen eigenen Tisch für die Lehrer und anderen Angestellten des Klosters, die dort dann getrennt von den jüngeren Mönchen essen. Viele ältere Mönche lassen sich das Essen auch von den kleinen Mönchen auf’s Zimmer bringen. Soweit ist es bei mir allerdings noch nicht und wird es auch nicht kommen. Ich werde weiterhin artig und selbstständig zum Essen gehen, wenn ich das Läuten dafür höre. 😉
Nicht nur das Vorhandensein des Kastensystems ist ein Unterschied zwischen dem Leben im Kloster und dem Leben außerhalb des Klosters. Das Kloster ist ein buddhistisches Kloster, während der Großteil der nepalesischen Bevölkerung hinduistisch ist. Während für Nepalesen der Samstag der höchste Wochentag ist und man zum Beispiel nicht zur Schule gehen muss, ist das innerhalb des Klosters der Sonntag, so wie bei uns. Das heißt während die Kinder in der Gemeindeschule Samstags frei haben, haben die Mönche Sonntags frei (Sonntags gehen die Kinder hier zur Schule). Und wenn ich das richtig verstanden habe, haben die Mönche hier im Kloster einen anderen Kalender als die Nepalesen. Und beide haben wiederum einen anderen Kalender als wir. Ist auf jeden Fall verwirrend. Ich richte mich aber nach wie vor nach unserem Kalender. Wenn ich jetzt damit anfange, nach nepalesischer Zeitrechnung zu gehen, komme ich wahrscheinlich ganz durcheinander. Die sind nämlich schon im Jahr 2070 oder so. 😉

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