Archiv des Autors: Daniel Müller

Ein nächtlicher Besuch

Mein Zimmer hier im Kloster liegt im Erdgeschoss. Beziehungsweise je nachdem wo man steht, könnte es auch das erste oder zweite Untergeschoss sein. Das ist hier relativ, das das Kloster auf einem Hügel liegt und es mehrere Eingänge gibt, die in das Wohnheim führen. Der Eingang zu meinem Flur ist jedoch der allererste, an dem man vorbeikommt wenn man hier zum Kloster kommt. Man kann auf der einen Seite noch am Gebäude vorbeigehen und kommt dann unter anderem direkt an meinem Fenster vorbei. Daher sind die Fenster in meiner Etage auch vergittert. Zumindest ist das meine Vermutung, warum sich vor meinem Fenster Gitter befinden 😉
Die Tür vom Flur nach außen ist immer geöffnet. Auch nachts. Trotzdem können hier keine Personen rein, die nicht zum Kloster gehören, da an den meisten Stellen um das Kloster herum Stacheldraht gezogen ist und es ein bewachtes Eingangstor gibt, das ab halb acht geschlossen ist. Trotzdem wird man leicht nervös, wenn man hier im Dunkeln auf dem Flur steht und versucht, das Vorhängeschloss seiner Tür zu öffnen und man nur das Licht einer Taschenlampe hat, da mal wieder kein Strom da ist. Wenn ich dann in meinem Zimmer bin, kann ich die Tür von innen mit zwei kleinen Metallriegeln sichern. Die bieten aber auch nur Schutz, solange niemand ernsthaft versucht, in mein Zimmer zu kommen. Soviel zur Ausgangslage. Jetzt zur eigentlichen Geschichte:
Neulich Nacht bin ich durch ein Geräusch wach geworden. Ich war mir von Anfang an recht sicher, dass es aus meinem Zimmer kam. Ich war natürlich sofort hellwach und habe überlegt was es sein könnte. In dem Moment lag ich so, dass ich auf die Wand neben meinem Bett blicken konnte. Ich hätte mich also zuerst umdrehen müssen, um etwas zu sehen. Da es jedoch noch mitten in der Nacht war, hätte ich sowieso nichts ohne Taschenlampe erkennen können. Also habe ich erstmal gelauscht und parallel darüber nachgedacht was es sein könnte. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich einen Menschen ausschließen konnte, da ich dann vorher schon die Geräusche von der Tür oder der Demontage des Gitters hätte hören müssen ;). Ein Hund konnte es demnach auch nicht sein. Es gibt ein paar, die hier frei auf dem Gelände rumlaufen, aber ich glaube nicht, dass die sich in mein Zimmer trauen. Ein Hund hätte ebenfalls Tür oder Fenster überwinden müssen. Also musste es etwas Kleineres als ein Hund und ein Mensch sein.
Auch die Geräusche deuteten auf etwas Kleineres hin. In meinem Zimmer befindet sich noch ein zweites Bett, wo ich meine alltäglichen Gegenstände und einen Teil meiner Kleidung liegen habe. Unter anderem lag da auch eine Packung Kekse und ein paar Äpfel. Und die Geräusche, die ich hören konnte, kamen von den Tüten die da ebenfalls lagen.
Ich lag noch immer so wie ich wachgeworden war. Mir war klar, dass wenn ich mich zuviel bewegen würde, sich der nächtliche Besuch verstecken würde oder verschwinden würde. Wenn ich also sehen wollte, was es ist und woher es kam, musste ich sehr schnell sein während ich mich umdrehe und zu der Taschenlampe am Boden greife, diese einschalte und dann den Raum ableuchte. Der Griff in die Schwärze zu meiner Taschenlampe hat mich dann noch einiges an Überwindung gekostet bis ich meinen Plan dann tatsächlich umgesetzt habe. Wie ich erwartet hatte, war ich jedoch zu langsam.
Meine Vermutung war, dass es sich bei dem Besuch entweder um eine Ratte oder eine Maus handeln musste. Ratten gibt es hier auf Grund der Müllsituation bestimmt massenhaft. Und Mäuse sicherlich auch. Ich hatte dann noch geguckt wie das Tier in mein Zimmer gekommen sein könnte und habe einen kleinen Spalt unter der Tür entdeckt. Unter der Tür ist insgesamt ein größerer Spalt, der jedoch schon vor meiner Ankunft mit Pappen abgeklebt war. Nur ganz am Rand, war die Pappe nicht richtig befestigt, sodass sie dort etwas nachgab.
Am nächsten Abend hatte ich mir die Taschenlampe auf dem Bett zurecht gelegt, da ich davon ausgegangen war, dass in der Nacht eventuell erneuter Besuch kommt. Und so war es dann auch. Im Prinzip war es genauso wie in der Nacht davor, nur dass ich dieses Mal mit der richtigen Blickrichtung wach geworden bin, meine Taschenlampe griffbereit lag und ich genau wusste, wo ich gucken konnte, um meine Theorie zu bestätigen. Und tatsächlich ist dann eine Maus durch diesen kleinen Spalt geschlüpft. Ich glaube zumindest, dass es eine Maus war. Da ich in der Nacht selbst keine Lust hatte aufzustehen und etwas zu dagegen zu unternehmen, habe ich mich wieder hingelegt, um die letzten Stunden der Nacht noch schlafend zu verbringen. 😉
Am nächsten Tag habe ich dann den Spalt mit Tape (leider kein Megaband) geschlossen und seitdem steht jede Nacht noch ein Schuh von mir an besagter Stelle, um der Maus ja keine Chance mehr zu lassen, in mein Zimmer zu kommen. 🙂

Müllprobleme

Hier in Nepal ist Müll so eine Sache. Man sieht ihn überall. In Kathmandu gab es Büsche oder Flecken, wo sich wilde Mülldeponien entwickelt hatten. In eine davon hatten sich sogar zwei Kühe verirrt und haben nach Futter gesucht. Hier auf dem Land sieht man weniger Müll, da hier ja auch weniger Leute wohnen, dennoch fällt es einem auf. Auf den Gehwegen liegen Verpackungen von diversen Produkten, ebenso in Gebüschen und am Straßenrand. So etwas wie eine Müllabfuhr gibt es hier wohl nicht. Oder man muss dafür soviel bezahlen, dass es sich die meisten Leute nicht leisten können.
Auch im Kloster fällt auf, dass sehr viel Müll herumliegt, obwohl es auf den Fluren Mülleimer gibt. Sogar in meinem Zimmer befindet sich ein kleiner Plastikeimer, den ich hier als Mülleimer benutze. Wobei ich nicht genau weiß, ob der dafür gedacht ist. Hier in meinem Zimmer liegt auch ein dicker Stock, dessen Nutzen ich noch nicht herausgefunden habe. 😉 Jedenfalls findet man hier neben den Wegen Müll und auch auf den Fluren im Gebäude. Essensreste findet man oft im Waschbecken im Badezimmer. Und zwar so, dass der Abfluss verstopft und sich das Wasser staut. Neben dem Großreinemachen einmal im Monat gibt es auch kleinere Putztrupps, die alle paar Tage für etwas Sauberkeit sorgen. Bis dahin steht aber das Wasser dann im Waschbecken und sammelt sich da weiter an.
Wie die Müllentsorgung hier im Kloster genau funktioniert, konnte ich übrigens neulich beobachten. In der Küche fällt einiges an Biomüll an, vom vielen Gemüseschälen. Der wird erst in großen Eimern gesammelt. Wenn der Eimer voll ist, wird dieser dann nach draußen getragen zu einem großen Deckel über einem Betonschacht. Am untern Ende des Betonschachts verläuft ein Rohr. Keine Ahnung wo das hinführt. Aber da wurde all das Zeugs reingekippt. Was mit dem restlichen Müll passiert, weiß ich nicht. Kann sein, dass das da auch reinkommt.
Beim Großreinemachen wurde übrigens auch ein Abfluss freigemacht, der aus Richtung der Küche kommt. Im Küchenbereich gibt es eine Art Waschstelle, wo man Teller, Töpfe und so weiter spülen kann. Auf der Außenseite des Gebäudes gibt es ebenfalls Waschhähne, wo die Mönche ihre eigenen Schalen und Teller und waschen. Das heißt, dort wird einiges an Reis aus Tellern und Schalen gespült. Dieses Wasser geht dann eine Rinne entlang, wo es dann an einer Stelle etwa 2 Meter herunterfällt, um dann ebenerdig mit der Ausfahrt weiter zu fließen. Diese Stelle vor dem 2-Meter-Sturz war aber anscheinend verstopft und wurde dementsprechend wieder frei gemacht. Keine Ahnung wie lange das nicht gemacht wurde. Es wurde jedenfalls viel Reis aus der Rinne geschaufelt und es hat richtig ekelig gestunken. Ich war froh, dass ich das aus der Entfernung beobachten konnte. 😉
In Privathäusern wird der Müll übrigens meistens vernichtet, in dem man alles auf einen Haufen legt und den Haufen dann anzündet. Oder das Zeugs kommt in eine Tonne und wird dort angezündet. Ich kann hier von meinem Fenster aus über ein Tal voller Reisfelder blicken, zu einer kleineren Stadt auf der gegenüberliegenden Seite. Da sieht man dann immer ganz gut die Rauchschwaden über der Stadt wabern. Ich passe da jedenfalls immer gut auf, wenn ich an so einem brennenden Haufen vorbeilaufe, damit ich nicht direkt durch den Qualm laufe. Brennender Müll soll ja recht ungesund sein. 😉

Knete, Zaster und Moneten

Für die Kinder in der Gemeindeschule ist alles, das ich mache, wahnsinnig interessant. Wenn ich ein Buch für den Unterricht raushole, das die Kinder vorher noch nicht gesehen haben, wollen alle sofort wissen was das ist und ob sie es sich angucken dürfen. Neulich habe ich meine Kamera mitgenommen, weil ich ein paar Fotos machen wollte, während die Kinder in ihrer Pause spielen. Nach kurzer Zeit wurde ich aber von einer Kinderschar umringt, die die Fotos sehen wollten, die ich bisher so gemacht habe. Es gab ein dichtes Gedränge um mich herum und alle haben die Kamera und die Fotos bewundert. Manche haben sogar die Gegenden erkannt, die ich fotografiert habe, sodass die Begeisterung dann noch größer war. 🙂
Da ich nicht aus Nepal komme, ist natürlich auch ein großes Interesse an allem da, was mit meiner Heimat zu tun hat. Wie ich bereits berichtet habe, wollten viele wissen, wie meine Familie heißt. In meiner Englisch-Klasse habe ich auch Fotos von zu Hause gezeigt. Da waren alle sehr beeindruckt, weil die Landschaft und die Häuser natürlich sehr anders aussehen als sie es von Nepal kennen. Auf einem Bild war das Wiehengebirge zu sehen. Und obwohl hier in Nepal jeder kleine Hügel höher und steiler als das Wiehengebirge ist, fanden alle das Bild sehr schön. 😉
Ich habe den Kindern auch auf einer Karte Deutschland und Nepal gezeigt. Das fanden die Kinder auch sehr interessant und alle haben sich darum gestritten, den besten Platz vor der Karte zu haben. Da musste ich dann zwischendurch ermahnen, dass ich kein Geschubse sehen möchte und dass jeder mal gucken kann. 😀
Die Kinder der einen Klasse hat auch interessiert was denn das Nationaltier von Deutschland ist. Da habe ich dann gesagt, dass das der Bundesadler ist, der sich ja in unserem Wappen befindet. Das fanden die Kinder komisch, denn hier in Nepal ist das Nationaltier die Kuh. Die Kuh gilt bei Hindus als heilig. In Kathmandu habe ich beispielsweise freilaufende Kühe mitten auf einer großen Verkehrsstraße gesehen. Deswegen war es wahrscheinlich schwer für die Kinder zu verstehen, dass unser Nationaltier ein Vogel ist. Ich habe dann versucht, dass es bei uns in Deutschland eher ein Symbol ist und keinen großen Raum in unserem alltäglichen Leben einnimmt. 😉
Was die Kinder natürlich auch sehen wollten, waren Euros. Ich glaube fremde Währungen findet jedes Kind ab einem gewissen Alter super interessant, egal aus welchem Land das Kind ist. Ich hatte noch ein paar Euros dabei und habe den Kindern dann eine 1€-Münze und einen 50€-Schein gezeigt. Auch hier wollte jeder unbedingt einmal beides in den Händen halten und von allen Seiten betrachten. Als dann die Frage kam, wie viele Rupien das sind, ist mir aufgefallen, dass das vielleicht nicht so klug war, den 50€-Schein zu zeigen. Umgerechnet sind das nämlich 6750 Rupien. Als ich den Kindern das gesagt habe, sind die fast vom Stuhl gefallen, weil die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben so viel Rupien gesehen oder in den Händen gehalten haben. Ich kann leider nicht genau einschätzen, wie weit man mit diesem Geld kommen würde. Aber an den Reaktionen der Kinder konnte man sehen, dass das verdammt viel Geld für die ist.

Nachtrag: Mal zum Vergleich: Ein Glas Marmelade habe ich mir hier für weniger als einen Euro gekauft. Die Schulbücher, die es im Kloster in der Bibliothek gibt, kosten umgerechnet weniger als 3 Euro.

Philosophische Gespräche

Neulich kam ein Mönch zu mir ins Zimmer und wollte mit mir darüber sprechen, dass er gerne sein Englisch verbessern möchte und ob ich Zeit für ihn habe. Er hat mir gesagt, wo er Probleme hat und wir haben dann ausgemacht, dass wir uns am nächsten Tag treffen, da es zu dem Zeitpunkt schon Abend war. Darüber hinaus sind wir dann noch so ein bisschen ins Gespräch gekommen, dass zunächst sehr oberflächlich war. Dann aber meinte er, dass er mir gerne ein paar Fragen stellen würde, die er vorher auch schon anderen Freiwilligen hier im Kloster gestellt hatte, aber die hatten ihm nicht sehr zufriedenstellende Antworten gegeben. Von dieser Einführung her, war ich schon recht gespannt darauf, was für Fragen er mir stellen wollte. Also habe ich gesagt, dass ich mir Mühe geben werde, seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Und so ging es dann mit der ersten Frage los: “Glaubst du an die Wiedergeburt?”. Mit dieser Frage hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet und ich war mir unsicher wie ich darauf antworten sollte. Schließlich ist die Wiedergeburt ein zentrales Konzept im buddhistischen Glauben. Da meine Antwort nein lautet, habe ich mich ein wenig davor gedrückt, das so konkret zu formulieren. Als der Mönch mir dann aber mitgeteilt hat, dass er selbst nicht daran glaubt, war mir klar, dass das keine Art Fangfrage war, sondern das er eher an einem ehrlichen Austausch interessiert war. 🙂
In der Schule hatten wir mal eine kurze Einheit zum Buddhismus, trotzdem habe ich mir dazu ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Danach folgten dann Fragen wie “Glaubst du an Gott?”, “Was ist Glaube?”, “Was ist das Ziel der Menschen?”, “Was ist der Sinn des Lebens?”. Also alles lauter Fragen über die es beliebig viele Ansichten gibt. Dennoch hat es mir Spaß gemacht, ihm diese Fragen zu beantworten, obwohl ich zwischendurch auch die Sorge hatte, dass ich vielleicht etwas sagen könnte, dass diesen Mönch dazu veranlasst, seinen Glauben oder seine Einstellung zum Glauben zu überdenken. Nicht dass es nachher heißt, ich bin Schuld, dass ein Mönch das Kloster verlassen hat oder so. 😉
Wir hatten dann am Ende des Gesprächs noch vereinbart, dass ich ihm dann beim nächsten Mal die gleichen Fragen stellen werde. Bisher gab es aber noch keine Gelegenheit dazu.
Später hat sich dann herausgestellt, dass er der Assistent des ersten Mönchs hier im Kloster ist. Er hat mir dann auch sehr dabei geholfen, zu organisieren, dass mein Unterricht im Kloster stattfinden kann. 😉

Kälte

Wie ich bereits geschildert habe, wird es hier im Winter nicht schneien. Bisher gab es beispielsweise viele Sonnentage, die eher an einen Sommertag erinnern als an einen Wintertag. Zumindest wenn man das mit Deutschland vergleicht. Dann gibt es aber auch wieder Tage, an denen ein kalter Wind weht. Das sind die Tage, an denen ich mir eine Heizung wünsche. Denn hier im Kloster gibt es keine Heizungen und alles ist sehr schlecht isoliert. In meinem Zimmer befinden sich nackte Betonwände und in den Zimmern neben mir, ist derzeit niemand einquartiert. Um ein bisschen Wärme im Zimmer zu halten, versuche ich die Tür und die Fenster geschlossen zu halten. Dennoch zieht es hier durch alle Ritzen rein.
Damit kann ich ja noch halbwegs leben, da ich auch genügend Klamotten mitgebracht habe, für den Fall, dass es richtig kalt wird. Was aber echt nervt, ist die Tatsache, dass die Hände so gut wie nie warm sind. Und gerade wenn man die Hände dann mal auf Körpertemperatur bekommen hat, muss man wieder nach draußen. Oder man muss auf die Toilette, wo ich mir dann mit eiskaltem Wasser die Hände wasche. Dann geht das Wärmen der Hände wieder von vorne los. Besonders fies ist es auch immer nach dem Duschen. Hier gibt es kein warmes Wasser für die Dusche, sodass ich mich ebenfalls mit eiskaltem Wasser duschen muss. Danach ziehe ich mir dann erstmal mehrere Lagen meiner Kleidung an. 😉
Am Anfang als ich hier angekommen bin, hatte ich gedacht, dass ich die ganzen Winterklamotten (Handschuhe, lange Unterwäsche, Mütze,…) umsonst gekauft habe. Aber mittlerweile trage ich fast täglich unter meinem Pullover und meinem T-Shirt noch mein langes Winteroberteil. An manchen Tagen auch die dazugehörende Hose. Und wenn die Hände einfach nicht warm werden wollen, kann es auch mal sein, dass ich mit Handschuhen in meinem Zimmer sitze. Da würde ich mir am liebsten ein kleines Lagerfeuer im Zimmer machen. Das geht zwar nicht, aber ich habe mir jetzt zumindest Kerzen geholt, sodass ich Licht habe während der Strom abgeschaltet ist und ich nebenbei noch ein bisschen das Wärme bekomme. 🙂